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Gabor Cselle, von mir persönlich sehr geschätzt, hat kurz vor dem Jahreswechsel in seinem Blog den Beitrag “Why Startups don’t condense in Europe” veröffentlicht. Gabor ist Softwareentwickler bei Google in Zürich und Mitveranstalter des Bar Camps in Zürich. Seine Gedanken geben, worauf Gabor hinweist, seine persönliche Meinung wieder und nicht die seines Arbeitgebers.
Ich habe über den Artikel ein paar Tage nachgedacht. Was ursprünglich als Kommentar zu Gabor’s Blogbeitrag gedacht war, ist nun etwas umfangreicher geworden. Ich betrachte meine Gedanken zu seinem Artikel als eine Art Offenen Brief an Gabor, weil Gabor’s Artikel Anlass für meine Überlegungen war. Dabei ist mir klar, dass Gabor sich bei seinem Blogeintrag im wesentlichen auf die Frage konzentriert hat, warum es in Europa so schwer fällt, Internetstartups erfolgreich zu machen, während ich mich mit der Frage beschäftige, warum junge Technologieunternehmen einen mitunter so schweren Start in Europa haben. Ich möchte daher nicht in eine Auseinandersetzung eintreten, sondern pflichte Gabor eigentlich bei. Da ich selbst für ein junges Technologieunternehmen arbeite, das sich überdies auch noch in der Suchindustrie durchzusetzen versucht, liegt mir dieses Thema sehr am Herzen.
Als wesentliche Ursachen für das Phänomen, dass sich in Europa – anders als in den USA – keine Startupszene materialisiert, sieht Gabor fünf Gründe an. Es sind dies:
- Das Fehlen von Vorbildern und
- Venture Capital,
- ein Mangel an Ehrgeiz und
- Kreativität sowie
- ein fragmentierter Markt.
Diese Feststellungen sind richtig, greifen aber meines Erachtens ein wenig zu kurz:
Das Fehlen von Vorbildern
Der erste Grund, den Gabor für das Fehlen einer Startupszene in Europa anführt, ist das Fehlen von Vorbildern in Europa. Gabor verwendet den Begriff des “role models”, was wohl richtiger ist als der Begriff des Vorbilds. In diesem Zusammenhang müssen wir uns fragen, warum das so ist, dass Europa nicht viele populäre Unternehmer hat, die als Muster herangezogen werden können.
In Deutschland könnte eine der Ursachen hierfür sein, dass der Wunsch, Unternehmer werden zu wollen, staatlich nur unzureichend gefördert wird. Die aktuelle Januarausgabe des Magazins brand eins beschäftigt sich unter dem Titel “Der deutsche Kampf gegen die Selbstständigkeit” ausführlich mit diesem Thema. Anders als in den USA haben wir Deutsche keinen Unternehmergeist mit in die DNA beigemischt bekommen und holen dieses Defizit auch nicht während der Ausbildung nach.
Hinzu kommt, dass in Deutschland über Jahrzehnte hinweg die sozialen Sicherungssysteme hervorragend gut funktionierten, so dass man auch als leitender Angestellter eine glänzende Karriere machen und zu einigem Wohlstand gelangen konnte. Oftmals bei einem einzigen Unternehmen, in das man nach der Ausbildung eintrat und anlässlich der Pensionierung wieder austrat. Zwar entsprach man dann noch nicht dem überkommenem Bild vom Unternehmer, mit dem man ja oft einen Grad der materiellen Absicherung verband, den man als Angestellter nicht hatte, aber dafür trug man auch bedeutend weniger Risiko. Für viele stellte sich die Frage aber gar nicht erst, ob sie überhaupt etwas unternehmen wollen. Das alles ändert sich gerade erst als Folge der Aufweichung der sozialen Sicherungssysteme. Ob das eine gute oder schlechte Entwicklung ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich sehe nur, dass die Menschen in Deutschland mit diesem Wandel tendenziell eher überfordert sind.
Das Fehlen von Venture Capital
Auch in diesem Punkt stimme ich mit Gabor überein. Schon aus eigener Erfahrung heraus. Aber auf den zweiten Blick ist auch das eine Kulturfrage. Gabor schreibt richtig, dass es in Europa nur wenige VCs gibt, die Risiken zu finanzieren bereit sind und wertvolle Unterstützung bieten. Beides ist zutreffend.
Und doch: Woran liegt das? Ich denke, es liegt durchaus nicht an fehlenden Finanzmitteln. Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt und Heimat zahlreicher wohlbegüterter Menschen. Die Schweiz ist allerdings als VC-Markt gegenwärtig ein Entwicklungsland. Ähnliches gilt auch für Deutschland.
Nehmen wir aber einmal die Schweiz und Deutschland als Länder, die ich ein wenig beurteilen kann. In beiden Ländern gibt es annähernd alles, was es auch in Amerika gibt. Bis auf eines: Eine Kultur des Scheiterns. Jeder bekennt sich zwar (auch ungefragt) zur Innovation, aus meiner Sicht dem Unwort des Jahres 2006, nur wenige wagen aber den Schritt ins Ungewisse, der mit Neuerungen verbunden ist, denn man könnte ja scheitern und das Scheitern ist in unseren Gesellschaften verpönt, ja nachgerade nicht gesellschaftsfähig.
Während also der erfolgreiche Innovator auch in Europa kometenhaft zum Helden aufsteigen kann, wird der gescheiterte Innovator nicht selten sofort zur gescheiterten Existenz, denn eine zweite Chance wird ihm nicht gegeben. Er trägt den Makel des Scheiterns und ist in den meisten Fällen wirtschaftlich und gesellschaftlich ruiniert, oft für den Rest seines Lebens.
In diesem Zusammenhang beneide ich Amerika mit seiner Neigung zur Schnelllebigkeit, denn ein Konkursverfahren gehört dort fast schon zur notwendigen Ausrüstung eines erfolgreichen Unternehmers.
Das Fehlen von Venture Capital hat aber auch noch eine andere Facette, die es zu erwähnen gilt. Nicht jedes Investment in jedes Internetstartup ist eine kluge Entscheidung. Die Tatsache, dass vor allem in den USA gegenwärtig wieder viel Geld in Technologiestartups investiert wird, besagt noch lange nicht, dass sich dieses Geld auch vermehren wird, denn hierzu bedarf es in aller Regel eines tragfähigen Geschäftsmodells. Die populären Deals rund um Skype, FlickR und Youtube mögen vielleicht darüber hinwegtäuschen, aber “Verkauf an Yahoo bzw. Google” ist kein Geschäftsmodell, sondern ein Exitkonzept, das für wenige Unternehmen aufgehen mag, der Rest muss sich aber am Markt behaupten oder geht mit oder ohne Investment unter. Die schiere Geldmenge, die gegenwärtig in Startups investiert wird, ist also kein Erfolgsgarant.
Der Mangel an Ehrgeiz
Ich bin durchaus nicht der Auffassung, dass es Europäern an Ehrgeiz und Ambition fehlt. In diesem Zusammenhang, so mein Eindruck, haben wir aber ein Definitionsproblem:
Gabor erwähnt diesen Punkt vor dem Hintergrund von Unternehmen wie Youtube, Flickr, AOL, Skype und vielleicht auch Google. Das sind, wenn man die Unternehmensziele, wie auch die dahinter stehende (Google) bzw. dafür aufgewandte (Youtube, Flickr, AOL, Skype, etc.) Geldmenge betrachtet, sicher ambitiöse Vorgänge.
Man darf aber nicht verkennen, dass es sich hierbei um einen kleinen Markt und um nicht mehr als eine Handvoll Unternehmen handelt, die zudem alle auf das noch sehr junge Thema “Online-Werbung” setzen. In der Tat haben die Amerikaner bei diesem Geschäft die Nase weit vorne, was sicher auch daran liegt, dass sie eine besondere Einstellung zu Werbung haben, jedenfalls eine andere als der durchschnittliche Europäer. “Suche in Kombination mit Werbung” ist aber sicher nicht das letzte Geschäftsmodell, dass je das Licht der Welt erblickt hat. Andere werden folgen.
Ich wäre allerdings vorsichtig, die amerikanische Einstellung von der “Global Domination” allzu kritiklos zum Mass aller Dinge zu machen. Dieser Ausdruck hat vor den wirtschaftlichen (Enron & Co.) und weltpolitischen Geschehnissen (Irak & Co.) der letzten Jahre einen eher unangenehmen Beigeschmack. Ich bezweifle also, ob “Global Domination” immer der richtige Ansatz ist, zumal er für junge Unternehmen in Europa schlechterdings nicht finanzierbar ist.
Aber auch unterhalb der Weltherrschaft gibt es viel anerkennenswerten Ehrgeiz und Ambition und die Welt (auch in der IT) wird nicht getragen von einer Handvoll Superstars. Die Welt wird getragen von Unternehmen, die nicht mehr als “twenty or so employees” beschäftigen. Diese Unternehmensgrösse wird auch als KMUs bezeichnet. Hier angelangt ist es übrigens auch nicht immer nur lustig und auch nicht immer nur “family-like”, denn Konkurrenz und Überlebenskampf sind kein Privileg der multinationalen Unternehmen, sondern kennzeichnen auch die täglichen Herausforderungen kleiner und mittlerer Unternehmen.
Fehlende Kreativität
Der letzte Punkt, bei dem ich Gabor widersprechen muss, ist die angeblich fehlende Kreativität Europas. Ich denke, das ist eine rein amerikanische Wahrnehmung der Dinge.
Sehen wir einmal von den Internettechnologien ab, dann gibt es nicht allzu viele Bereiche, in denen die USA technologisch die Nase vorn haben. Oder freundlicher formuliert, es gibt nicht viele Bereiche, in denen Europa sich vor den USA schämen muss.
Nun ist mir klar, dass Gabor die fehlende Kreativität auf Internetanwendungen bezogen hat, als er feststellte, dass z.B. Yigg eine Kopie von Digg sei. Die berechtigte Existenz von Yigg ist aber keine Frage fehlender Kreativität, sondern widerlegt nur die Behauptung, dass Amerika stets global denke. Und das ist keineswegs der Fall, denn Amerika denkt nur unter der Voraussetzung global, dass die ganze Welt bereit ist, sich immer und vollständig auf die amerikanische Kultur und Sprache einzulassen. Warum sollen Europäer sich die Mühe machen, bei Digg deutsche Artikel zu empfehlen, die dort ohnehin niemand je lesen wird. Warum soll ich mich bei LinkedIn eintragen, wenn die für mich relevante Geographie dort nicht einmal sprachlich berücksichtigt wird. Da ziehe ich doch Xing eindeutig vor, auch wenn die Idee von Xinx dann vielleicht nicht vollständig neu ist.
Andere Menschen sprechen in diesem Zusammenhang böse von einem Kulturimperialismus. Ich glaube nicht, dass dies das tragende Motiv ist. Ich denke eher, es ist eine Art gutmütige Gedankenlosigkeit Amerikas gegenüber dem kulturellen Rest der digitalen Welt. Anders kann ich mir bestimmte Phänomene nicht erklären. Als Beispiel in diesem Zusammenhang möchte ich die durchaus anerkennenswerte Aktion von Google heranziehen, Klassiker der Weltliteratur zu digitalisieren. Ich suchte unlängst nach den Goethes “Leiden des jungen Werther” und fand sie bei Google Classics auch, allerdings nur auf englisch, was per se nicht so schlimm wäre, wenn Google nicht die Empfehlung aussprechen würde, Werke, die nicht in der jeweiligen Muttersprache vorliegen, mit Google Translate automatisiert zu übersetzen. Das ist aber deren Ernst!
Zum Thema Kreativität kann man sicher lange und trefflich streiten. Ich bin allerdings nicht der Meinung, dass der systematische Zukauf von Technologien (im Falle von Google z.B. Pyra Labs, Neotonic Software, Applied Semantics, Sprinks, Genius Labs, Kaltix, Ignite Logic, Picasa, YouTube) ein Mass für die eigene Kreativität darstellt. Oder anders formuliert: Mit dem Geld von Google ausgestattet wären andere Unternehmen auch “kreativ”.
Ich vermute, die Nachteile Europas liegen weniger an der angeblich fehlenden Kreativität, sondern an falscher Bescheidenheit Europas gepaart mit dem Unvermögen, seine eigenen Leistungen zu verkaufen. Verkaufen ist in Europa annähernd ebenso schlecht beleumundet wie scheitern. Bei “Verkauf” denken z.B. Deutsche schnell an Aufdringlichkeit und Unehrlichkeit. Wir sind ein Volk miserabler Verkäufer und scheuen uns vor verkäuferischen Tätigkeiten und Anpreisungen.
Wie sehr beneide ich z.B. Michael Arrington um seine verkäuferischen Fähigkeiten, der Ende 2005 eine Liste von Web 2.0-Unternehmen herausgegeben hat, die er für empfehlenswert hält. Er nennt diese Liste aber nicht “Meine persönlichen Web 2.0-Favoriten”, er nennt sie “Web 2.0-Unternehmen, ohne die ich nicht leben könnte”. Das ist Verkaufstalent pur und – nebenbei bemerkt – niemand nimmt Michael Arrington übel, dass er noch am Leben ist, obwohl die gleichnamige Liste für das Jahr 2006 eine gänzlich andere Zusammensetzung hat die des vergangenen Jahrs.
Amerika ist wie kein anderes Land mit dem Showbusiness verknüpft. In keinem anderen Land der Welt wäre es denkbar, dass der Terminator zum Gouverneur wird (und umgekehrt). Amerika lebt das Showbusiness und war immer schon “ganz grosses Kino”. Hier haben wir, denke ich, gegenüber Amerika die ganz entscheidenden Defizite.
Zusammenfassung
Ich persönlich glaube, dass Europa in drei Dingen gegenüber Amerika einen nicht unerheblichen Nachholbedarf hat: (1) Wir müssen lernen, Unternehmer zu sein. (2) Zum Unternehmertum gehören Misserfolge, mit denen umzugehen wir lernen müssen. (3) Vor allem aber müssen wir lernen, unsere Fähigkeiten besser zu vermarkten.
2 Kommentare bis jetzt
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Interessante Gedanken.
In eine ähliche Richtung geht auch
http://www.silicon.de/enid/b2b/16619
Grüsse
> Marc
Kommentar von MPB 3. Januar 2007 @ 2:13Marc,
danke für den Link zu Silicon.de mit in der Tat ähnlichen Gedanken zu diesem Thema.
Grüsse,
Alexander
Kommentar von Alexander 3. Januar 2007 @ 3:45