Svizzer Blog


Denn sie wissen nicht, was sie tun
21. Dezember 2006, 3:20 pm
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Kompliment an die Bundesregierung! Kaum hat sie entdeckt, dass es die Informationstechnologien gibt, richtet sie auch schon einen nationalen IT-Gipfel aus. Wer am Montag Abend die Tagesthemen gesehen hat, wird sich gefragt haben, ob zwei der Teilnahmevoraussetzungen für den Gipfel eine Bilanzsumme von mehr als € 100 Millionen und ein Mindestalter von 50 Jahren waren, denn die Gipfelstürmer waren durchwegs schon recht betagt und vertraten – was nicht sonderlich überrascht – fast ausnahmslos große Unternehmen. Von jugendlicher Dynamik à la Google war bei dem Gipfel nicht viel zu sehen.

Das ist natürlich polemisch und stimmt auch nicht völlig, denn die Bundeskanzlerin persönlich hat sich ja – auch das war in den Tagesthemen zu sehen – von einer Reihe von Studenten ganz zwanglos erklären lassen, was sie studieren, was ein Blog ist und was Web 2.0 bedeutet, warum das Web semantisch werden muß und wozu man eine Suchmaschine braucht.

Unmittelbar nach dieser Runde wurde dann vermutlich auch die Abschlußerklärung zum IT-Gipfel erstellt, die gut und gerne auch als “Flunder-Manifest” durchgehen könnte, da die in ihr enthaltenen Aussagen an Plattheit kaum zu überbieten sind und der Bericht ein buntes Sammelsurium an Allgemeinplätzen darstellt, das weder Fachkenntnis, noch ein Bekenntnis zur Informationstechnologie durchblitzen lässt. Der Bericht eignet sich aufgrund der zahlreichen Buzzwords dafür aber hervorragend als Vorlage für Bullshit-Bingo. Ganz ohne falsche Bescheidenheit setzt die Bundesregierung in nahtloser Fortsetzung der Projekte Lkw-Maut, Gesundheitskarte und Bundesarbeitsagentur bei ihrer IT-Strategie konsequent auf sogenannte Leuchtturmprojekte, also richtig beeindruckende Großprojekte mit hohem Finanz- und Scheiternsrisiko. Da muß man sich nicht wundern, wenn die eine oder andere Stimme sich hierzu kritisch äußert.

Im zeitlichen Zusammenhang mit dem IT-Gipfel wurde das Quaero-Projekt kurzerhand in Theseus umbenannt. Die Geschichte von Quaero-Theseus ist bizarr: In völliger Verkennung der Marktsituation und der Macht der großen Suchmaschinenanbieter beschließen zwei Staatsmänner (hoffentlich wenigstens bei einer guten Flasche Rotweins), dass die deutsch-französische Achse auch eine Suchmaschine benötigt, um Google, Yahoo und MSN die Stirn bieten zu können. Nächster Schritt in der Geschichte ist, dass man nicht etwa im Branchenbuch nachschlägt, um zu erfahren, wer sich mit Suchmaschinen auskennt (z.B. Seekport), sondern bei Siemens, SAP und anderen Unternehmen anruft, die auf diesem Gebiet alle gänzlich unerfahren sind. Nachdem dann erst einmal über einen längeren Zeitraum nichts passiert außer dass sich die gesamte Fachwelt über diesen nationalen Vorstoß amüsiert, stellt man ein Jahr später fest, dass noch nicht einmal die Ziele des Projekts definiert sind, so dass die Projektbeteiligten aufgrund der Differenzen bei der Zielbestimmung jeweils eigene Wege gehen: Die Franzosen beharren auf Quaero als dem vermeintlichen Google-Killer, die deutschen erneuern lieber gleich das ganze Web und machen es unter dem Titel Theseus schnell einmal semantisch. Frei nach dem Motto: An Semantic Web hat sich ja noch niemand versucht und das muß jetzt daher schnell einmal von SAP, Siemens und Empolis im deutschen Alleingang erledigt werden.

Ganz so eilig hat man es freilich wiederum nicht, denn Ausschreibungen zu diesem Projekt, die es nun wenigstens gibt, nachdem die Grünen sich in einer Anfrage über die seltsame Zusammensetzung des Konsortiums beschwert hatten, gibt es voraussichtlich erst in zwei Jahren. Auch das ist natürlich lächerlich, denn in zwei Jahren passiert ja in der IT doch schon einmal das eine oder andere. “Quaero ist geplatzt“, titelt der Spiegel. Das ist weit untertrieben, denn nicht nur Quaero ist tot, sondern das ganze Thema ist eine klassische Totgeburt:

Innovationen lassen sich weder per Gesetz verabschieden, noch in Auftragsarbeit vergeben. Wer die Entwicklung der IT verfolgt, wird zudem feststellen, dass es in der Regel kleine Unternehmen waren, die die großen Revolutionen im Web ausgelöst haben, was vermutlich daran liegt, dass in kleinen Unternehmen ein Innovationsklima herrscht und gerade nicht die bürokratischen Prinzipien Weltbild und Vorgehensweise prägen. Um das festzustellen, benötigt man allerdings ein Minimum an Sachkenntnis und gesunden Menschenverstand.

Diese beiden Eigenschaften vorausgesetzt würde man auch erkennen, dass es für eine Suchmaschine äußerst vorteilhaft ist, wenn sie unter ihrem Namen im Internet aufgesucht werden kann, was weder Quaero noch Theseus je vergönnt sein wird: Alle wichtigen Domains rund um diese beiden Namen sind natürlich schon längst vergeben. Aber das sind Details, die wir Siemens, SAP und Empolis ja in zwei Jahren noch klären können. Notfalls übernehmen Frankreich und Deutschland zur Lösung dieses Problems schnell die ICANN oder bauen eben ein Konkurrenzinternet auf, denn das alte Web ist ohnehin viel zu kompliziert geworden.

Über die Weihnachtsfeiertage kann sich die Bundesregierung, die ja jetzt das Internet für sich entdeckt hat, einmal zum Meinungsstand zu Quaero-Theseus in der Blogosphäre informieren:

Suchmaschinenberater
Hitflip Blog
Infobib
TechCrowd
markt.de
Das Frankreich-Blog
BooCompany
Juergen Luebeck`s Blog
netbib weblog
IB Weblog
WWWorker
Internetmarketing-News
Tentatives Verlinken

Das deutsch-französische Vorhaben macht unter keinem Gesichtspunkt wirklich Sinn. Und so ist es nur konsequent, dass für das Projekt nun der Name Theseus gewählt wurde, denn schließlich gehört das “Schiff des Theseus” zu den ungelösten philosophischen Problemen der Identität.

Denn sie wissen nicht, was sie tun


1 Kommentar bis jetzt
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quero theseus – wie man innovation nicht macht

tolle zusammenfassung des fiaskos unter
http://svizzer.wordpress.com/2006/12/21/denn-sie-wissen-nicht-was-sie-tun/

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